Aktives Laufen (Aufsetzen des Fusses auf dem Vorfuss) ist im Laufsport in aller Munde, und doch sieht man bei einem Volkslauf die überwältigende Mehrheit mit der Ferse auf dem Boden aufprallen. Was ist medizinisch betrachtet dran am «aktiven Vorfuss laufen»?
Ferse oder Vorfuss? Ein Thema, das heftig diskutiert und auch dementsprechend umstritten ist. Einigkeit besteht einzig darin, dass der barfuss angewandte Laufstil der natürliche Laufstil ist. Und wer einmal versucht hat, auf einer Strasse oder auf einem Waldweg barfuss zu laufen, merkt schnell, dass es nicht möglich ist, auf der Ferse zu landen, sondern automatisch zum Schutz des Fusses auf dem Vorfuss gelandet wird. Denn das Polsterfett unter der Ferse ist für die Dämpfung der auftretenden Kräfte nicht genügend ausreichend.
Deshalb gibt es ja gut dämpfende Schuhe, können Sie an dieser Stelle einwenden. Tatsächlich gibt es eine Vielzahl von Läufern, die jahrelang beschwerdefrei über die Ferse laufen - und vielleicht immer laufen werden. Vermutlich, weil sie einen besonders belastbaren Bewegungsapparat besitzen und bewusst oder unbewusst andere Dinge richtig machen (vielleicht Ausgleichssport oder Gymnastik). Ebenso sicher ist auch, dass viele Läuferinnen und Läufer gar nie in die Lage kommen, Vorfuss zu laufen, weil ihre Muskulatur und allgemeine Leistungsfähigkeit dazu nicht imstande sind. Dennoch gibt es gute Gründe, sich mit seinem Laufstil auseinander zu setzen und die Vorzüge eines aktiven Laufstils zu kennen. Der Fuss ist ein sehr anpassungsfähiges, aber auch kompliziertes Gebilde. Durch eine Konstruktion aus zwei annähernd senkrecht aufeinander stehenden Gewölben können sehr hohe Druckbelastungen abgefangen werden. Die eigentliche Stärke des menschlichen Fusses besteht allerdings nicht in seinen statischen, sondern in seinen dynamischen Fähigkeiten. Die Verspannung durch die Fuss- und Unterschenkelmuskulatur ermöglicht dem Fuss die Anpassung an unterschiedlichste Bodenverhältnisse und Belastungsanforderungen.
Die Funktion des Standbeines im Laufzyklus beginnt mit der so genannten vorderen Stützphase. Der Fuss berührt den Boden vor einer gedachten, senkrechten Linie durch den Körperschwerpunkt. Schon in diesem Moment beginnt die Dämpfung der Bewegungsenergie, mit der die Körpermasse auf den Boden trifft.
In der mittleren Stützphase befindet sich der Fuss des Standbeines direkt unter dem Körperschwerpunkt und trägt die volle Last des Körpers. Jetzt ist vor allem Stabilität (Stützfunktion) gefragt, um Fehlbelastungen an Fuss und Standbein, Becken und Wirbelsäule zu vermeiden.
In der Abstossphase oder hinteren Stützphase endet der Bodenkontakt mit dem erneuten Beschleunigen des Körpergewichtes. Beim aktiven Laufstil berührt der Fuss in der vorderen Stützphase den Boden zuerst etwa in Höhe des Kleinzehengrundgelenkes. Dadurch können sämtliche verfügbaren dämpfenden und stabilisierenden Fähigkeiten genutzt werden. Das weiche, elastische Abfedern schont die Gelenke und die Wirbelsäule. Besonders wichtig in dieser Phase ist der dreiköpfige Wadenmuskel, der hohe Kräfte abfangen kann. Der Rückfuss wird aktiv stabilisiert mit Hilfe des hinteren Schienbeinmuskels und des Grosszehenbeugers, die das Sprungbein in seiner anatomischen Position fixieren. Zusätzlich wirken der vordere Schienbeinmuskel und der lange Wadenbeinmuskel wie ein Steigbügel. Diese Funktionen werden quasi geopfert, wenn der Fuss mit der Ferse voran aufgesetzt wird.
Darüber hinaus werden mit dem aktiven Laufstil Muskelgruppen benötigt (hintere Oberschenkelmuskulatur, Gesässmuskulatur, Hüftstrecker), deren Kräftigung sich stabilisierend auf das Kniegelenk und entlastend auf die Wirbelsäule auswirkt. Beim aktiven Laufstil richtet sich die Wirbelsäule auf und die Lendenbandscheiben werden entlastet: aktives Laufen also als Vorbeugung gegen Rückenschmerzen.
Insgesamt kommt dem aktiven Laufen neben handfesten medizinischen Aspekten demnach auch eine ökonomisierende Wirkung zu, denn der Körperschwerpunkt wird auf gleichmässig hohem Niveau gehalten.
Quelle: Fit for Life