INTERVIEW: BRIGITTE WOLF
Mit dem Bike kann man von jedem Haus in der ganzen Schweiz in mehrere Richtungen losfahren. Ich kann mich abseits von befahrenen Strassen bewegen und lerne immer wieder neue Gegenden kennen. Aber auch auf bekannten Trainingsrunden gibt es viel Abwechslung, da die gleiche Strecke jede Woche wieder anders aussieht. Im Herbst ist der Boden vom Laub rutschig, im Winter gibt es Eis und Schnee, im Frühling blühen am Wegrand die Blumen. Mir gefällt es einfach, allein oder in der Gruppe vom Bike aus die Natur und den Wald zu beobachten.
Das Grundlagentraining ist in den Grundzügen gleich. Die Ausdauer bildet auch für den Biker das Fundament und ist dementsprechend wichtig. Das Hochleistungsalter liegt bei beiden Sportarten etwa bei 25 bis 35 Jahren (mit Ausnahme von einigen Spitzenbikern der «zweiten Generation», welche den anderen technisch überlegen sind). Spitzenbiker trainieren ebenfalls relativ oft auf der Strasse, da der Puls besser konstant gehalten werden kann als im Gelände. Im Detail gibt es aber grosse Unterschiede im Training. Bikerennen sind mit zwei bis zweieinhalb Stunden kürzer als Strassenrennen, dafür gibt es viel mehr Rhythmus Wechsel. Insgesamt wird also etwas intensiver und etwas häufiger im Intervallbereich trainiert als für Strassenrennen. Insbesondere muss der Biker sehr schnell starten können. Eine Spitzenposition von Beginn weg ist äusserst wichtig. Wenn man von der 1. Runde als 10. zurückkommt, kann man kaum mehr gewinnen. Ein Überholen ist wegen der vielen schmalen Pfade (Single Trails) oft schwierig, und vom Windschatten kann man auch nicht profitieren. Und schliesslich ist für den Biker die Technik das A und O. Ein Strassenfahrer hat gegen die besten Biker keine Chance, auch wenn er mit einem stärkeren «Motor» antritt. Der gute Techniker beherrscht sein Bike so gut, dass er damit auch Kunststücke (Sprünge, Wheelie, Stillstand usw.) beherrscht. Er bildet mit seinem Bike eine Einheit, und die Bewegungsabläufe sind automatisiert. Dies ermöglicht ihm, in jeder Situation richtig zu reagieren und damit auch Stürze zu vermeiden. Er erfasst Situationen (z. B. wegrutschen) oder Hindernisse sehr schnell oder sogar im Voraus. Man könnte sagen: Ein schlechter Techniker reagiert taktil, also erst wenn er das Hindernis spürt, ein guter Techniker reagiert kognitiv, das heisst, er berührt das Hindernis gar nicht erst und spart damit viel Kraft.
Erstens ist die Schweiz prädestiniert fürs Biken wie kaum ein anderes Land. Wir verfügen über ein sehr dichtes Netz von Wald- und Feldwegen. Vor jedem Haus finden sich gute Trainingsmöglichkeiten. Zweitens besassen die Schweizer mit Thomas Frischknecht von Anfang an ein Aushängeschild. Seit zehn Jahren gehört Thomas zu den besten Bikern der Welt. Zudem ist er für mich eine grosse Persönlichkeit und macht den Mountainbike-Sport sympathisch. Drittens machen wir im Vergleich zu anderen Nationen sehr viel im Nachwuchsbereich, wobei
mit «wir» nicht der Schweizerische Radfahrerbund SRB gemeint ist, sondern die Organisatoren des Strom-Cups.
Seit 1994 organisiere ich zusammen mit der Elektrizitätswirtschaft einen Mountainbike-Cup für Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 16 Jahren mit Rennen in der ganzen Schweiz. Inzwischen werden alle Kategorien ausgeschrieben. Letztes Jahr gingen in 12 Rennen mehr als 6400 Fahrer und Fahrerinnen an den Start. Hauptsponsor des Strom-Cups ist der Verband Schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE), deshalb auch der Name. Für die besten aller Jugendkategorien organisiere ich jeden Herbst ein Trainingslager. Dieses Camp ist auch Sprungbrett in das nationale Juniorenkader. Da die Anfrage nach solchen Camps immer grösser geworden ist, organisiere ich inzwischen zusätzliche Jugendlager, unabhängig vom Strom-Cup.
Kinder und Jugendliche sind sehr dankbar und haben Freude an der Bewegung und am Ausprobieren. Ich organisiere auch Camps mit Erwachsenen. Das Erfolgserlebnis ist aber kleiner als bei Kindern, welche viel schneller lernen und auch einen Sturz gelassener hinnehmen. Erwachsene - besonders Frauen - haben meist Angst vor Stürzen, riskieren nicht so viel und können deshalb weniger grosse Fortschritte machen. Eine gute Technik muss also sehr früh gelernt werden. Ich arbeite oft mit Geschicklichkeitsparcours, bei denen nur die Technik eine Rolle spielt. Wichtig ist, dass die koordinativen Fähigkeiten gefördert werden und dass die Kinder möglichst polysportiv ausgebildet werden.
Zum Biken gehören auch Stürze. Je besser ein Biker ist, desto häufiger stürzt
er, weil er auch mal etwas wagt. Mit einer guten Ausrüstung passieren aber wenig ernsthafte Verletzungen. Ich selbst kann nicht sagen, wie oft ich pro Jahr stürze. Die schlimmsten Verletzungen holte ich mir aber nicht bei heiklen Manövern, sondern bei «dummen Stürzen» wie z.B. einmal, als ich mit einem Kollegen sprach und dabei in einen Pfosten fuhr...
Das Mountainbike ist ein Sportgerät für Jung und Alt. Während das Strassenrad eher ein reines Trainingsgerät ist, eignet sich das Mountainbike auch für Fitnesssportler, Geniesser, Radwanderer oder einfach zum Spass. Dem Hobbybiker empfehle ich, regelmässig zu biken, das heisst sicher jede Woche einmal, besser häufiger. Dann macht es viel mehr Spass. Biken ist eine wetterunabhängige Sportart. Durch
Spritzwasser wird man zwar etwas dreckig, man hat aber kaum kalt; denn Biken ist anstrengend, und im Wald ist man dem Wind nicht so ausgesetzt. Zudem gibt es heute sehr gute Kleidung. Ich empfehle jedem, im Gelände zu fahren und den Hindernissen nicht von vornherein auszuweichen. Biker laufen nicht. Wenn man eine steile Passage oder ein Hindernis beim ersten Mal nicht schafft, soll man auch einmal zurückfahren und es nochmals versuchen. Nach wenigen Trainings wird man die Hindernisse geniessen und bereits grössere suchen. Ein Vorteil ist es, in der Gruppe zu trainieren, wo man sich gegenseitig motivieren kann.
Man kann es vergleichen mit den VITA-Parcours - einfach für Biker. Zwei Parcours bestehen bereits, einer in Zürich in der Nähe des Zoos und einer in Schötz im Kanton Luzern. Weitere Parcours sind in Planung, mein Ziel ist es aber, in jedem Kanton einen Parcours einzurichten. Da gibt es einerseits Rundstrecken mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden und einen technischen Teil mit verschiedenen Hindernissen. An Stationen mit Spurgassen, Wippen, Slalom, Absätzen, Baumstämmen, einem Buckel zum Springen usw. werden die koordinativen Fähigkeiten gefördert. Wichtig ist, dass man nur mit einer guten Ausrüstung, also mit Helm und Handschuhen, auf den Parcours geht.
Biken stellt für Läufer ein gutes Alternativtraining dar und kann durchaus ein Lauftraining ersetzen; denn beim Biken wird einerseits der Stoffwechsel gleich belastet und anderseits trainiert man etwa die gleiche Muskulatur wie beim Laufen. Vor allem für das Bergauflaufen stellt Biken ein gutes Kraftausdauertraining dar. Zudem ist beim Biken die Belastung auf den Bewegungsapparat viel kleiner als beim Laufen, da man beim Biken sein eigenes Gewicht nicht tragen muss. 12/99 FIT for LIFE