Wie Sie Außenbandverletzungen
in den Griff bekommen
von Dr. Wolfgang Schillings
Der Halt ist weg, der Fuß knickt um. Obwohl das obere Sprunggelenk von drei starken Bändern geschützt wird, kommen so genannte Supinationstraumen gerade im Sport sehr häufig vor — auch Läufern bleiben von Verletzungen der Außenbänder nicht verschont.
Das obere Sprunggelenk (med.: Articulatio talocruralis) setzt sich zusammen aus dem keilförmigen Sprungbein (Talus) und der ihm anmodellierten Knöchelgabel aus Schien- (Tibia) und Wadenbein (Fibula). Dieses Konstrukt ist ein bemerkenswertes Beispiel für die funktionelle Wechselbeziehung zwischen Knochen, Gelenken und Bändern. Je weiter der Fuß gestreckt wird, desto mehr nimmt die knöcherne Begrenzung des Gelenks ab. Dann übernehmen die Bänder und das Weichteilgewebe die Gelenkstabilität. In dieser Position sind die Außenbänder besonders anfällig für Verletzungen.
Der Außenbandapparat des oberen Sprunggelenks besteht aus drei Bändern. Die lateinischen Namen geben den Verlauf des jeweiligen Bandes wieder (siehe Kasten). Das „Ligamentum fibulotalare anterius" reißt bei Supinationstraumen in zwei Dritteln aller Fälle isoliert, das „Ligamentum fibulotalare posterius", wird eher selten verletzt. Ein plötzlich auftretender heftiger und stechender Schmerz beim Umknicken des Fußes über den Außenknöchel mit rasch einsetzender Schwellung deutet auf einen Bänderriss hin. Je nach Unfallmechanismus können einzelne oder mehrere Bänder und auch die Gelenkkapsel betroffen sein. Da der akute Schmerz schon nach kurzer Zeit nachlässt, besteht die Gefahr, dass man die Verletzung unterschätzt und — trotz eines geschwollenen Knöchels — weiter läuft. Auch komplett gerissene Bänder bereiten unter Umständen schon bald nach der Verletzung kaum noch Beschwerden, da die Instabilität des Sprunggelenks durch eine gut trainierte Muskulatur vorübergehend kompensiert werden kann. Für eine sichere Diagnose muss aber in jedem Fall ein Arzt aufgesucht werden, um zum Beispiel mit Hilfe eines Röntgenbildes einen Knochenbruch im Bereich des Sprunggelenks auszuschließen.
Eine unbehandelte Bandverletzung kann zu einer bleibenden Schädigung des Kapsel-Band
Apparates führen, die eine andauernde Instabilität mit immer wieder auftretenden Zerrungen oder Fasereinrissen der Bänder verursacht. Deshalb sollten Sie nach einem Umknicktrauma zügig handeln und unmittelbar den Heilungsprozess einleiten, auch wenn äußerlich kaum etwas zu erkennen ist und die Schmerzen sich in Grenzen halten. Handeln Sie schon bevor Sie einen Arzt aufsuchen nach der so genannten „PECH-Regel" ( Pause – Sport abbrechen, Eis – kühlen, Compression – Verband anlegen, Hochlagern – Fuss hoch legen). Stellen Sie jegliche sportliche Aktivität sofort ein und kühlen und komprimieren Sie das Gelenk unmittelbar nach der Verletzung. Hierzu nehmen Sie einen mit Eiswasser getränkten Schwamm und umwickeln diesen großflächig und fest vom Vorfuß bis zur Unterschenkelmitte mit einer ebenfalls in Eiswasser getauchten Idealbinde. Um zu vermeiden, dass sich die Blutung ausdehnt und das Gewebe weiter anschwillt, lagern Sie den betroffenen Fuß hoch. Benetzen Sie den Verband von außen immer wieder mit Eiswasser, bevor Sie ihn nach 20 Minuten für fünf Minuten entfernen, damit der Stoffwechsel wieder einsetzen kann. Diese Behandlung können Sie bis zu drei Stunden wiederholen.
Bei einer Aussenbandüberdehnung beziehungsweise einem Aussbandriss ist selten eine Oper-
ration notwendig. In den meisten Fällen wird das Sprunggelenk für etwa sechs Wochen stabilisiert, beispielsweise mit Hilfe eines Tape- oder Zinkleimverbandes oder einer so genannten Orthese. Diese Stützverbände und Schienen haben den Vorteil, dass sie die normale Gehbewegung zwar ermöglichen, die verletzten Strukturen aber durch eine Einschränkung vor allem der Hebung des inneren Fußrandes (Supination) schonen. Durch die gelartigen Kissen einer „Aircast-Schiene" wird die betroffene Stelle zusätzlich bei jeder Bewegung massiert, was die Schwellung schneller abklingen lässt. Im Akutfall und bei sehr starker Schwellung kann der Fuß auch kurzzeitig durch den Einsatz von Unterarmgehstützen komplett entlastet werden. Dann sollte Ihr Arzt entsprechende Antithrombosemaßnahmen wie spezielle Strümpfe oder Heparinspritzen veranlassen. Gegen die Schmerzen und zur weiteren Abschwellung verordnet der Arzt antientzündlich wirkende Salben oder Tabletten mit den Wirkstoffen Diclofenac oder Ibuprofen. Zur unterstützenden Behandlung können außerdem Präparate mit dem Ananas-Enzym Bromelain sowie homöopathische Mittel wie zum Beispiel Arnica, Rhus toxicodendron oder Traumeel eingesetzt werden.
Eine Verletzung der Außenbänder muss vollkommen auskuriert und gründlich von Ärzten und Physiotherapeuten nachbehandelt werden. Zwar sollten Sie mehrere Wochen auf Sport verzichten, eine frühzeitige Mobilisation nach Absprache mit dem behandelnden Orthopäden und Physiotherapeuten ist aber unbedingt zu empfehlen. Bei der frühfunktionellen Therapie stehen Übungen zur muskulären Feinabstimmung und Wahrnehmung (Koordinations- und Propriozeptionstraining) im Vordergrund. Das (Wieder-)Erlernen eines guten Zusammenspiels der Unterschenkelmuskulatur ist äußerst wichtig, da die Bänder allein keinen stabilen Halt mehr bieten und leicht erneut verletzt werden können. Außerdem verhindert eine frühzeitige Bewegungstherapie eine zunehmende Schwellung, die Rückbildung der Muskulatur, Bewegungseinschränkungen sowie Stoffwechselstörungen. Neben der Koordination sollten Sie in der Rehabilitationsphase auch an der Kräftigung der Unterschenkelmuskulatur arbeiten. Je besser die muskuläre Führung des Fußes ist, desto geringer ist die Gefahr, dass Sie ein weiteres Mal umknicken. Der Heilungsprozess einer Bandverletzung im oberen Sprunggelenk dauert in Abhängigkeit von der Schwere und dem Ausmaß der Verletzung zwischen drei und acht Wochen. Beschwerden können allerdings bis zu zehn Monate nach der Verletzung bestehen bleiben. Haben Sie bei Bewegungen des oberen Sprunggelenks keine Schmerzen mehr und ist eine gute Beweglichkeit wiederhergestellt, können Sie das Training locker und dosiert wieder beginnen. Kraulschwimmen, Radfahren und Aquajogging stellen gute Laufalternativen zum sportlichen Wiedereinstieg dar. Setzen Sie beim Sport vorübergehend Sprunggelenksschienen, selbstklebende Verbände, elastische Bandagen oder Tape-Verbände ein, um das obere Sprunggelenk vor erneuter Überdehnung zu schützen.