Die längste Zeit ihrer Existenz sind Menschen ohne Schuhe auf der Erde unterwegs gewesen. Irgendwann haben wir angefangen, unsere Füsse einzupacken – um sie eines Tages wieder vom unnötigem Ballast zu befreien?
Felsmalereien zeigen, dass Menschen erstmals 12.000 v. Chr. ihre Füße mit Leder und Fellstücken umwickelten. Den ersten Gebrauch von Sandalen belegen Schuhfunde in Ägypten ab etwa 3.000 v. Chr. —damit hatten die Ägypter eine der einfachsten Basisformen des Schuhs überhaupt erfunden. Die weitere Schuhentwicklung führte von prachtvollen Verschnörkelungen des 14. Jahrhunderts über Modeabsurditäten des 15. und 16. Jahrhunderts—wie zum Beispiel dem so genannten Kuhmaulschuh, der eine eckige Form hatte und nur Zehen und Ferse bedeckte — bis hin zur höchsten Steigerung der Schuhverzierung im 18. Jahrhundert. Erst 1830 begann man mit der Massenfertigung von Schuhen. Nachdem sich zunächst die Auflösung der früheren Einteilung in Adel und Volk auch bei der Fußbekleidung bemerkbar machte, gab es wenig später auch zum ersten Mal eine deutliche Geschlechtertrennung in der Schuhmode. Die Passform des Schuhs wurde Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem durch unterschiedliche Sohlen für den rechten und den linken Fuß verbessert. Seit hundert Jahren wird also überhaupt erst zwischen rechtem und linkem Schuh unterschieden.
Neben dem modischen Aspekt bestimmten immer auch soziale und kulturelle Gegebenheiten die Besonderheiten der Schuhform. Das 20. Jahrhundert erlebte eine immer raschere Modeentwicklung, auch im Schuhgewerbe gab es einen ständigen Wandel. So wurde zum Beispiel der schon Anfang des Jahrhunderts entwickelte Turnschuh —die italienische Firma Superga produziert ihr berühmtes Modell „2750" schon seit 1911 — neu entdeckt und in vielen Variationen zum Kultschuh. Er wird bis heute nicht nur als Sportschuh eingesetzt, sondern vor allem in der Freizeit. Seit den Dreißigern ging es dem gängigen Turnschuh an die Farbe. Bisher in klassischem Weiß gehalten, nahm er nun alle Farben des Regenbogens an und veränderte auch immer mehr seine Form. Ende der 50er-Jahre gewann die Produktion spezieller Schuhe für den Laufsport immer mehr an Bedeutung — bis schließlich Anfang der 70er der erste Laufschuh in Serie produziert wurde. Seither wurde eine ganze Menge geforscht und verfeinert, bis schließlich das heutige Hightech-Produkt „Laufschuh" entstand. Sicher ist das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht, jedes Jahr gibt es von fast allen namhaften Herstellern die verschiedensten optischen und technischen Innovationen. Allerdings zeigt man sich mittlerweile auch offen gegenüber ganz neuen Aspekten, was schließlich die Frage aufwirft: Brauchen wir wirklich weitere Dämpfungssysteme, Stützen und andere Technologien im Laufschuh?
Erstmals wurde vor kurzem das Barfußlaufen einer wissenschaftlichen Studie unterzogen. Dabei zeigte sich, dass bei Barfußläufern Beschwerden der unteren Extremitäten weitaus seltener vorkommen als bei Läufern mit Schuhen, was unter anderem daran liegt, dass in Schuhen die Gelenke in ihrer natürlichen Bewegung eingeschränkt werden. Darunter leidet die Bewegungskontrolle des Fußes. Die Erkenntnis der Untersuchung: Back to the roots! Na ja, nicht so ganz, zumindest muss ein Schuh her, der dem Barfußlaufen so nah wie möglich kommt — verrückte Welt.
Von Dr. Wolfgang Schillings