ein Diskussionsbeitrag im Nachrichtenmagazin FOCUS vom 14. Juni 2004
Seit einiger Zeit geistern Meldungen durch die Medien über neue Erkenntnisse in der Ernährungslehre: in USA habe man herausgefunden, dass „Fett" nicht nur schlecht sei und dass „Kohlenhydrate" auch dick machen... - Eine Reihe von Diäten, die in Amerika propagiert werden, gleichen der (un)guten alten Atkins-Diät: unter dem Stichwort „Low Carb" (wenig Kohlenhydrate) segeln die „South Beach"-Diät und die „LOGI"-Diät (LOGI = Low Glycemic Index). - Dabei geht es vor allem darum, bei den Kohlenhydraten nicht nur auf die Menge zu achten, sondern auch auf die Art der „Raffinesse": raffinierter Zucker und weisses Brot veranlassen den Körper, viel Insulin zu produzieren, dieses ist verantwortlich dafür, dass Energie, die mit der Nahrung aufgenommen und nicht durch körperliche Arbeit verbraucht wird, direkt in die Fettspeicher eingelagert wird. -Begründet wird die neue Lehre u.a. mit einer Analyse der Essgewohnheiten der Neanderthaler (deren Gene auch heute noch weitgehend unseren Überlebensmechanismus bestimmen): die Frühmenschen kannten weder raffinierten Zucker noch aufbereitetes Getreide, auch keine Milchprodukte (die gab es erst, als die Jäger und Sammler sesshaft wurden und Ackerbau zu betreiben begannen), und in der Regel war das Fleisch, von dem sie sich zur Hauptsache ernährten, nicht „fett", da die Tiere auf freier Wildbahn gar nicht dazu kamen, Speck anzusetzen... „65% der Nahrung unserer steinzeitlichen Vorfahren war tierischen Ursprungs", wird der amerikanisch Ernährungsphysiologe Loren Cordain zitiert. Innert kurzer Zeit wurde Amerika vom Low-Carb-Fieber erfasst, neue Produkte mit wenig verdichteten Kohlehydraten kamen in den Handel, 200 neue Bücher verbreiteten die Theorie... aber in Deutschland stösst die neue Lehre vom Verzicht auf Kohlenhydrate noch auf Skepsis. Konsequente LowCarb-Diäten können zu einseitiger Ernährung führen, Langzeiterfahrungen gibt es noch nicht, vieles ist Spekulation. Befürchtet wird zudem, dass ganz ohne „Zucker" auch das Glückshormon „Serotonin" nicht mehr produziert würde, das ein gutes Sättigungsgefühl vermittelt. Dies gipfelt in der Aussage einer Nestle-Vertreterin: „Ohne Nudeln, Brot und Kartoffeln würden wir wahrscheinlich depressiv." (vgn.)