| ‹ Rotes Lebenselixier - von Nis Sienknecht
Stellt man sich unseren Körper als eine Stadt vor und die Organe als Stadtteile, dann wäre unser Blut ein Transport- und Logistiksystem, das in der realen Welt seinesgleichen sucht. Ein System, das gleichzeitig Energie und Rohstoffe transportiert, die Aufgaben der Müllabfuhr und der Kanalisation übernimmt, welches als Klimaanlage und zugleich als Kurierdienst fungiert Reparaturen sämtlicher Art vornimmt und im Nebenjob noch den Polizeidienst verrichtet Unser Blut - ein wirklich außergewöhnlicher Saft. Das Blut gilt als Sitz des Lebens und Quelle des Bewusstseins. Es steht für Kraft und Gesundheit, manchmal auch für Gefühle und enge zwischenmenschliche Beziehungen. Die Gesamtblutmenge von sieben bis acht Prozent des menschlichen Körpergewichts entspricht einem Volumen von etwa fünf Litern. Ausgehend vom Herzen wird das Blut durch ein weit verzweigtes Netz von Blutgefäßen gepumpt In diesem „Straßen- Netz" gibt es drei Arten von Blutgefäßen: Arterien, Venen und Kapillaren. Die Arterien führen vom Herzen weg, während das Blut in den Venen zum Herzen zurück fließt. Kapillaren nennt man die feinen und hauchdünnen Verbindungen zwischen den Arterien und den Venen. Um den Austausch der transportierten Stoffe durch die dünnen Kapillarwände zu erleichtern, fließt das Blut dort sehr langsam.
Versorger plus Müllabfuhr Diese Wege und Straßen der Körperstadt sorgen dafür, dass jede Stelle des Körpers permanent versorgt wird. So wird der Sauerstoff im Blut von der Lunge über das Herz zu allen Teilen des Körpers gebracht. Praktischerweise nimmt der rote Lebenssaft nach Anlieferung des Sauerstoffs den „Abfall" Kohlendioxid gleich mit und transportiert ihn zurück zur Lunge, wo das Kohlendioxid wiederum gegen Sauerstoff ausgetauscht und schließlich abgeatmet wird. Das Blut befördert aber auch andere wichtige Substanzen, Nährstoffe und Hormone. Und neben dem Kohlendioxid nimmt es auch weitere Abfallprodukte auf und gibt sie an die Organe ab, wo sie entsprechend weiter verarbeitet oder aus dem Körper herausgeführt werden. Auch in der Wundheilung nimmt das Blut gleich mehrere Aufgaben wahr: Neben der Abwehr eingedrungener Fremdkörper sorgt es für die Blutgerinnung und damit für den schnellen Verschluss einer Wunde. Flüssig, aber fest Das Blut erscheint zwar flüssig, besteht aber zu einem hohen Prozentsatz aus festen Bestandteilen, den Blutzellen. Diese machen etwa 45 Prozent des Gesamtblutvolumens aus. Man unterscheidet drei verschiedene Arten von Blutzellen: die roten Blutkörperchen (Erythrozyten), die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und die Blutplättchen (Thrombozyten). Die flüssigen Blutbestandteile werden als Plasma bezeichnet, eine zum größten Teil aus Wasser bestehende Lösung, die zudem Eiweiß, Nährstoffe, Salze, Stoffwechselprodukte, Enzyme und Hormone enthält. Gastanks und Pipelines Die roten Blutkörperchen sind so etwas wie die „Gas-Pipelines" unseres Körpers. Sie sind scheibenförmig und mittig etwas eingedrückt, etwa 0,002 Millimeter dick und haben einen Durchmesser von 0,007 Millimetern. Jeder Kubikmillimeter Blut - das entspricht ungefähr der Größe eines Stecknadelkopfs - enthält etwa fünf Millionen dieser Blutkörperchen. Das Hämoglobin in den roten Blutkörperchen gibt dem roten Lebenssaft seine Farbe. Dieses Hämoglobin transportiert den Sauerstoff von den Lungen zu den Zellen und „entsorgt" das dort angefallene Kohlendioxid.
Ordnungskräfte im weißen Kittel Die weißen Blutkörperchen übernehmen die Aufgaben von Polizei und Reinigungsdiensten. Sie sind größer und seltener anzutreffen als ihre roten Brüder In einem Kubikmillimeter Blut befinden sich fünf- bis zehntausend dieser Leukozyten, die sich durch Strecken und Zusammenziehen selbst fortbewegen können, während sich die roten Blutkörperchen gemütlich im Blutstrom treiben lassen. Die weißen Blutkörperchen schützen den Körper, indem sie Krankheitserreger und Fremdkörper bekämpfen. Pausenlos suchen die Antikörper nach Eindringlingen wie Bakterien und Parasiten. Sind solche Angreifer lokalisiert, tritt das mobile Einsatzkommando auf den Plan: Granulozyten und so genannte Fresszellen (Monozyten) „fressen" die Eindringlinge ganz ihrem Namen entsprechend einfach auf.
Geplättetes Service-Team Das ganze System würde seiner Wirkung beraubt, sobald ein Leck im weit verzweigten Röhrensystem entstünde. Deshalb tritt in einem solchen Fall - beispielsweise bei einer Schnittverletzung - sofort der mobile Reparatur-Service in Kraft: Die Blutplättchen und ein Protein namens Fibrinogen verschließen das Leck und bilden einen Pfropfen, der das Loch abdichtet. Blutplättchen sind sehr kleine, farblose Scheiben von 0.003 Millimetern Durchmesser. Der Weg des Blutes durch den Körper ist ein Kreislauf- und damit endlos. Ein Ende wäre auch fatal, denn ein Stoff, welcher derart viele lebenswichtige Eigenschaften vereint, ist unverzichtbar. Die logistische Meisterleistung des roten Saftes ist in der Tat bisher einzigartig und sichert unser Überleben.
Jeder Mensch besitzt ein einzigartiges Blutgruppenmuster, das vor allem durch die Eigenschaften der roten Blutkörperchen bestimmt wird. Zur besseren Bestimmung dieses Musters wird das Blut in vier verschiedene Blutgruppen eingeteilt. Dieses System entwickelte sich aus der Erkenntnis, dass das Blut von verschiedenen Spendern beim Zusammenbringen manchmal verklumpt, das Blut vom Körper also nicht richtig angenommen wird. Daraufhin wurden auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen unterschiedliche chemische Merkmale (Antigene) festgestellt. Je nach Vorhandensein der Antigene wurden die Blutgruppenlmuster in die Blutgruppen A, B, AB oder 0 eingeteilt. Vor allem bei Blutspenden kommt den Blutgruppen eine besondere Bedeutung zu, denn die unterschiedlichen Antigene produzieren Antikörper gegen die Blutkörperchen der anderen Gruppen.
motion Februar/März 2006
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