‹ Nordic Walking -
VON URS GERIG:
Walking und vor allern Nordic Walking werden auch in Zukunft laufend neue Anhänger gewinnen. Die Entwicklung wird zwar kaum mehr so explosionsartig weiter gehen, doch ein Ende ist noch lange nicht abzusehen. Viel zu viele Schweizer und Schweizerinnen haben es noch nicht ausprobiert. Und die Erfahrungzeigt - Ausprobieren macht süchtig! In unserer schnelllebigen Zeit wird vieles kurzfristig aufgebauscht, ausgepresst und dann wieder fallengelassen - damit man möglichst schnell wieder etwas Neues suchen kann, das man dann von Neuem aufbauschen, wieder... usw. Das Interesse der Sportartikel- und Tourismus-Industrie am Nordic Walking wird vermutlich bei weniger Stockverkäufen rasch abnehmen, was dazu führen wird, dass sich die Spreu vom Weizen trennt. Wer mit Ausdauer und Leidenschaft dabei ist und nicht nur wegen des Profitsauf der Walking-Welle mitreitet, wird belohnt werden. Und die anderen verschwinden einfach wieder von der Bildfläche. Immer mehr Läufer werden Nordic Walking als wertvolle Trainingsforrn erkennen, denn jeder Läufer ist auch ein potenzieller Walker, das ist nur eine Frage der Zeit. Irgendwann ist jeder soweit, dass er nicht mehr joggen kann oder will und eine weitere Möglichkeit sucht, seinen gewohnten aktiven Lebensstil weiterzuführen. In diesem Lebensabschnitt drängt sich Nordic Walkmg neben anderen sanften Sportarten wie Biken, Inline-Skaten, Schwimmen und Aqua-Fit förmlich auf. Dennoch wird der Laufsportwohl auch in Zukunft die Nummer l bleiben, denn nichts ist bezüglich Zeitaufwand so effizient wie Laufen. Auf jeden «älteren» Jogger, der vom Laufen aufs Nordic Walking umsteigt, folgen (hoffentlich) zwei Jungenach, die sich neu fürs Laufen begeistern. Dennoch: Das Potenzial von Walking und Nordic Walking ist riesig, denn alle Personen, die nur mit Mühe 15 Minuten am Stück joggen können, haben mit Walking und Nordic Walking die Möglichkeit, 2-3-mal pro Woche mindestens 30 Minuten in einem konstanten Tempo bei idealen Pulswerten ihre Ausdauer zu verbessern. Dazu ist das Verletzungs-Risiko und die Gefahr, sich zu verausgaben, sehr gering. Das Schwierigste ist die Einstiegshürde, denn gerade diejenige Bevölkerungsschicht, die Bewegung am nötigsten hätte, ist erfahrungsgemäss auch am schwierigsten zum Sporttreiben zu motivieren. Wir alle sind gefordert.
Nordic Walking wird aber nicht nur neue Begeisterte finden, sondern auch Aktive verlieren. Wieso das? Es werden diejenigen aufgeben, die von den Fiberglasstöcken eine «Wunderheilung» erwarten. Die meinen, die Kalorien verbrennen von selbst, kaum habe man zwei Stöcke in der Hand. Doch schnelle Gewichtskontrolle und Fitness mit minimalem Aufwand, wie es zum Teil von der Werbung suggeriert wird, funktioniert auch beim Walking und Nordic Walking nicht. Eine solche Erwartungshaltung endet ziemlich sicher mit Frustration. Für Personen mit minderwertigem Material, ungenügender Technik, zu tiefer Intensität und mangelnder Häufigkeit kann Nordic Wal king deshalb wie jede andere Ausdauersportart auch zu einem negativen Erlebnis werden, weil eine Steigerung in jeglicher Hinsicht nicht möglich ist. Und tritt dann der erhoffte Erfolg nicht sofort ein, werden die Billig- oder Ski-Stöcke einfach wieder in den Keller neben den rostigen Stepper gestellt. Auf dass das nächste Wundermittel ausprobiert werden kann. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es eine Wiederauferstehung des klassischen Walking geben könnte. Denn das Walking hat eigentlich zu Unrecht an Boden verloren gegenüber dem Nordic Walking. Das kann sich durchaus wieder ändern. Vielleicht findet man plötzlich erneut verstärkt Gefallen am puren, schnellen und dynamischen Gehen ohne jegliche Hilfsmittel. Manchmal muss man nur genügend lange warten, bis sich eine Entwicklung wieder umkehrt. Eine weitere Prognose: Der Männeranteil wird ganz klar steigen. Denn der Mann der Zukunft wird dazulernen und merken, dass es weitaus sinnvoller ist, frühzeitig mit Fitness- und Gesundheitstraining zu beginnen, als erst dann, wenn es schon fast zu spät ist und er es vorn Arzt verordnet bekommt. Der Mann der Zukunft wird auch zur Erkenntnis gelangen, dass Sport nicht weh tun muss, um wertvoll zu sein, sondern dass «sanfter» Sport in den meisten Fällen gar gewinnbringender sein kann. Mit sportlichen Events und anspruchsvollen Streckenführungen, die den kraftvollen Gebrauch von Stöcken sinnvoll machen, wird man immer mehr Männer und ein generell sportliches Publikum ansprechen können.
Beim Material hingegen wird sich wohl nicht mehr allzu viel bewegen, da ist die grösste Entwicklunggemacht. Gefeilt wird an Details. Viele Hersteller werden den Markt wieder verlassen, zu hart umkämpft präsentiert er sich zur Zeit. Die qualitativ besten 4-5 Marken werden überleben und den Markt unter sich aufteilen. Die Qualität wird sich angleichen. Individuelle Einsatzbereiche und vor allem das Design werden die Nachfrage bestimmen. Und auch die Hysterie um die «richtige» Technik und perfekte Stocklänge wird sich legen, denn leidenschaftliche Nordic Walker werden in Zukunft vielleicht unterschiedliche Stöcke und Stocklängen in ihrem Sortiment haben und je nach Trainingsziel, Geländewahl und Einsatzgebiet den entsprechenden Stock wählen. Denn jede Stocklänge und Technik hat Vor- und Nachteile. Die verschiedenen Verbände haben viel mehr Gerneinsamkeiten als Unterschiede, das merken sie nur nicht so recht und momentan geht es darum zu zeigen, wer mehr Macht besitzt. Doch all den «Experten«, die sich wegen Stockwinkel, vermeintlichen Gefahren und unwichtigen Details wichtig machen, wird irgendwann die Luft ausgehen und sie werden sich beruhigen, weil sie realisieren, dass das Ganze aussersie selber eigentlich gar niemanden interessiert.
Etwas sehr Eindrückvolles an Kindern ist ihre Neugier und ihr natürlicher Drang, etwas immer besser zu machen. Kinder möchten täglich dazulernen. Irgendwann möchten sie alleine auf die Toilette, dann das Fleisch selber schneiden, die Schuhe ohne Hilfe binden, ohne Schwimmring ms Wasser steigen usw. So lange ist es ja gar noch nicht her, als wir selber noch Kinder waren, oder? Verlieren wir diese grossartige Eigenschaft urplötzlich oder machen wir beim Sporttreiben einfach eine Ausnahme? Als Sport Coach wünsche ich mir, dass es auch beim Sporttreiben selbstverständlich wird, dass man es «richtig» macht. In vielen Lebensbereichen macht man einen Kurs und lässt es sich richtig zei-en (Computer, Autofahren, Tanzen, Instrument), wenn man etwas lernen will, nur im Sport machen wir eine Ausnahme. Die meisten kaufen Laufschuhe oder Stöcke und joggen bzw. walken einfach drauflos. Die wenigsten machen auf dem Bike einen Fahrtechnikkurs, um sicher und mit Spass über Stock und Stein zu fahren. Und nur wenige nehmen sich Zeit, um richtig schwimmen zur lernen. Den Spruch «Hauptsache sie machen etwas« kann man zwar immer bringen, doch warum mit wenig zufrieden sein, wenn viel mehr drinliegen würde? Wenn ich etwas richtig mache, tiabe ich automatisch mehr Erfolg. Denn Erfolg motiviert. Und Motivation ist alles. Ich wünsche mir, dass viele «unsportliche» Personen mit Walking oder Nordic Walking so viel Selbstvertrauen gewinnen, dass sie den Mut haben, andere Sportarten auszuprobieren oder sportliche Ziele zu formulieren, von denen sie vielleicht schon lange «geträumt» haben. Und wenn eine Entwicklung, die Steigerung oder der Prozess stehen bleiben, der nächste Schritt in Angriff genommen wird, Dort, wo das Gehen im Flachen nicht mehr genügend stimuliert, wo es nicht mehr anspruchsvoll genug ist, wird es Zeit für etwas Neues. Etwas Unbequemeres, Anspruchsvolleres, etwas, das einem von Neuem fordert und stärker macht. Anderes Gelände (bergauf), höhere Intensität oder andere Sportarten setzen neue Trainingsreize, die uns nicht stagnieren lassen und die Trainingsmotivation erhalten. Wir Ausdauersportler sind eine grosse Familie und sollten es auch gemeinsam zelebrieren. Den Spass an der Bewegung darf man zeigen, mit bunter Bekleidung, Freundlichkeit und Toleranz. Gleichgesinnte grüssen und nicht auf den Boden schauen. Wenn wir das Sporttreiben gemeinsam mehr feiern, dann möchten auch immer mehr neue Leute dazugehören. Denn Freude ist ansteckend.
FIT for LIFE 1/2-07
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